Ein Lord, der in einem alten Schloss lebt, braucht ein Automobil mit Charakter. Doch zwischen stiller Eleganz, gewaltigen Motorhauben und verführerischen Cabriolets stellt sich bald heraus: Der richtige Wagen muss nicht nur vor Schloss Mkalvania passen. Er muss auch Platz für die Menschen bieten, mit denen sein Herr die Welt entdecken möchte.

Ein Lord betritt den Salon

Die Tür des Automobilsalons schloss sich so leise, dass Mkal sich unwillkürlich nach ihr umsah. Unter hohen Lichtinseln glänzten makellose Lackflächen. Nirgends hingen Preisschilder. Offenbar war dies ein Haus, in dem man zunächst über Geschmack sprach und erst später über Zahlen.

Ein Mann mit schwarzgrauen Locken und einem kurzen, sorgfältig gepflegten Bart kam ihm entgegen. Sein dunkler Dreiteiler saß tadellos; an der Weste schimmerte eine schmale goldene Uhrkette.

„Lord Mkal. Varro, zu Ihren Diensten. Man sagte mir, Sie suchten einen Wagen, mit dem man guten Gewissens vor einem Schloss vorfahren könne.“

Mkal strich den Ärmel seines schwarzen Gehrocks glatt. Unter dem dunklen Stoff setzte seine weinrote Weste einen zurückhaltenden Akzent. „Das wäre jedenfalls kein schlechter Anfang.“

Varro deutete auf ein großes, modernes Rolls-Royce-Coupé. „Nahezu lautlos. Sehr souverän. Und selbstverständlich ganz nach Ihren Wünschen auszustatten.“

Mkal betrachtete den Wagen höflich. „Wissen Sie, ich lebe in einem alten Schloss. Da muss ich sagen, dass ein modernes Fahrzeug nicht so gut passt. Hätten Sie vielleicht etwas eher … Altes? Schließlich bin ich ja auch ein alter Lord.“

Varros Blick ruhte einen Augenblick auf dem auffallend hellen Gesicht seines Gastes. Dann lächelte er. „Wie alt, Mylord, gehört gewiss zu den Dingen, nach denen ein wohlerzogener Händler nicht fragt. Wenn Sie mir bitte folgen möchten?“

Varro zeigt Lord Mkal eine weinrote Rolls-Royce-Phantom-II-Limousine mit schwarzen Kotflügeln im holzgetäfelten Automobilsalon.
Der Phantom II: ein würdevoller Auftakt im Salon der historischen Automobile.

Für die Ewigkeit gebaut

Hinter einer schweren Holztür veränderte sich die Atmosphäre. Dunkle Eichenvertäfelung, Messingleuchten und ein tiefroter Teppich empfingen sie. Es roch nach Leder und poliertem Holz. In der Mitte wartete ein mächtiger Wagen unter einer Samtabdeckung.

Varro zog den Stoff zurück. „Ein Rolls-Royce Phantom II von 1933. Gebaut in einer Zeit, als ein Automobil noch etwas fürs Leben sein durfte. Manche würden sogar sagen: für die Ewigkeit.“

„Für die Ewigkeit“, wiederholte Mkal und ließ den Blick über die lange Motorhaube wandern. „Das klingt gut.“

Varro öffnete die hintere Tür. „Ihr Chauffeur fährt vor, Sie nehmen hier Platz, und die Welt darf sich für einen Augenblick nach Ihrem Tempo richten.“

„Ich denke, dass ich sowohl selbst fahren werde als auch einen Chauffeur habe. Ich bin einmal in einem Ford von 1912 gefahren. Das war durchaus ein Erlebnis.“

Die Hand des Händlers blieb auf dem Türgriff liegen. „Ein Ford von 1912? Dann sollten wir vielleicht noch etwas weiter zurückgehen.“

Lord Mkal und Varro betrachten einen silbergrauen Silver Ghost Open Tourer mit Messingscheinwerfern, Speichenrädern und zurückgelegtem Verdeck.
Der Silver Ghost Open Tourer von 1912 weckt Mkals Freude an den frühen Automobilen.

Der alte Lord fährt mit dem Ford fort

Im nächsten Raum stand ein offener Tourenwagen. Große, frei stehende Scheinwerfer flankierten seinen hohen Kühler. Die Speichenräder wirkten beinahe zierlich unter der langen Karosserie, und das Messing fing das warme Licht der Wandleuchten ein.

„Rolls-Royce Silver Ghost, ebenfalls von 1912“, sagte Varro. „Genauer: ein 40/50 H.P. mit offener Tourenwagenkarosserie. Ein Sechszylinder, sehr ruhiger Lauf – und ein Platz am Lenkrad, an dem Sie die Maschine noch selbst kennenlernen dürfen.“

Mkal trat näher. Hier gab es nichts, das sich hinter glatten Flächen versteckte. Der Wagen zeigte, woraus er bestand, und schien auch nichts dagegen zu haben, wenn sein Fahrer das verstand.

„Was hat Ihnen am Ford besonders gefallen?“, fragte Varro. „Die Technik? Oder der Charme dieser frühen Automobile?“

„Beides. Sagen wir, es war ein besonderes, unmittelbares Fahrgefühl, als der alte Lord mit dem Ford fortfuhr.“

Er lachte. Varro hielt einen Augenblick inne und lachte dann mit.

„Den Satz werde ich mir merken, Mylord. Und ich sehe schon: Wir suchen hier mehr als einen bequemen Sitz mit einem Motor davor.“

Mkal legte eine Hand an den Rand der Fahrertür. Der Silver Ghost gefiel ihm. Noch war er nicht bereit, das als Entscheidung auszusprechen.

Eine schwarze Bentley-8-Litre-Limousine mit langer Motorhaube und großen Rundscheinwerfern steht vor Mkal und Varro im historischen Showroom.
Der Bentley 8 Litre von 1931 bietet Kraft und großzügige Dimensionen.

Ein gewisser Durst

Varro führte ihn weiter zu einem schwarzen Bentley 8 Litre von 1931. Der Wagen nahm so viel Raum ein, dass selbst die hohen Fenster dahinter kleiner wirkten.

„Wenn Sie gelegentlich etwas mehr Kraft wünschen, Mylord. Nur hundert Exemplare dieser Baureihe entstanden. Ein großer Reisewagen für Menschen, die bei der Größe ihrer Pläne nicht zuerst an die Garage denken.“

„Beeindruckend“, sagte Mkal. „Ich müsste wohl zunächst prüfen, ob der Schlosshof ihm gewachsen ist.“

„Das ließe sich feststellen. Einen gewissen Durst besitzt er allerdings ebenfalls. Benzin, versteht sich.“

Der Händler sah seinen Gast mit einem kaum merklichen Lächeln an. Mkal hob eine Augenbraue. „Dann hat wenigstens einer von uns einen ganz gewöhnlichen Geschmack.“

Varro schloss behutsam die Tür. „Darf ich fragen, ob es unbedingt eine geschlossene Karosserie sein muss?“

„Nach einem Cabriolet wollte ich gerade fragen.“

„Dann“, erwiderte Varro, „werden Sie den nächsten Raum mögen.“

Varro präsentiert Mkal einen weinroten Mercedes-Benz 540 K Spezial-Roadster; im Hintergrund steht ein offenes viersitziges Cabriolet B.
Der 540 K Spezial-Roadster vorn, das geräumigere Cabriolet B im Hintergrund.

Ein wenig Verwegenheit

Der Mercedes-Benz 540 K Spezial-Roadster von 1937 schien selbst im Stillstand eine Bewegung zu beschreiben. Seine Kotflügel schwangen weit aus, die Motorhaube zog sich lang und elegant vor dem niedrigen offenen Fahrgastraum dahin.

„Dieser Wagen ist geradezu beeindruckend“, sagte Mkal.

„Ein Automobil, das eine Landstraße sehr ernst nimmt“, erwiderte Varro. „Und seinen Fahrer ebenfalls. Allerdings vor allem ein Wagen für zwei.“

Mkal betrachtete die Sitze. „Zwei können eine angenehme Gesellschaft sein.“

„Gewiss. Darf ich außerdem annehmen, dass wir über den Preis erst sprechen müssen, wenn Sie sich verliebt haben?“

„Das dürfen Sie in der Tat annehmen.“

Varro nahm sein Notizbuch hervor. „Eine erfreulich klare Arbeitsgrundlage. Dann bleibt nur die Frage, wie Sie reisen möchten. Eher gemütlich – oder mit dem Wunsch, dem Motor gelegentlich die Sporen zu geben?“

„Überwiegend gemütlich. Aber sich ab und an den Fahrtwind zu gönnen, hat seinen Reiz. Allerdings bin ich kein Rennfahrer.“

„Dann brauchen wir einen Wagen, in dem die Reise selbst angenehm bleibt. Kommen Sie. Es gibt noch ein paar Möglichkeiten.“

Platz für die Familie

Ein Horch 853 A Sport-Cabriolet von 1938 stellte sich als ausgesprochen eleganter Begleiter für solche Reisen vor. Mkal betrachtete seine geschwungenen Linien und den Platz hinter den Vordersitzen. Varro ließ ihm Zeit.

„Reisen Sie gewöhnlich allein, Mylord?“

„Ich nehme gerne meine Familie mit. Nicht alle auf einmal, dafür bräuchte man einen kleinen Bus. Aber zwei oder drei Mitfahrer könnte es schon geben.“

„Dann muss auch der Fond überzeugen. Und bei Fahrten mit Chauffeur zählen wir ihn selbstverständlich mit.“

Varro zeigte auf das Mercedes-Benz 540 K Cabriolet B von 1938, das sie zuvor hinter dem Roadster gesehen hatten. Hier gab es eine zweite Sitzreihe und ein großes Faltverdeck. Mkal konnte sich gut vorstellen, wie jemand aus seiner Familie schon während der Fahrt den nächsten Halt vorschlug.

„Mehr Gesellschaft, dieselbe Freude am offenen Fahren“, sagte Varro. „Wie steht es dabei mit dem Auftritt? Eher königliche Würde oder ein wenig sportliche Verwegenheit?“

„Eleganz, Würde und Verwegenheit schließen sich nicht aus, denke ich.“ Mkal wandte sich um und sah durch die offenen Türen zurück. „Rein optisch hat mir ja der Silver Ghost am besten gefallen.“

Varro klappte sein Notizbuch zu. Für einen Augenblick sah er weniger wie ein Verkäufer aus als wie jemand, der eine Vermutung bestätigt fand.

„Dann sollten wir zurückgehen.“

Gestaltungsentwurf für Mkals Silver Ghost: schwarzer und dunkelroter offener Tourenwagen mit goldenen Zierlinien, seitlichen Kutschenlaternen und Mkalvanias Hoheitszeichen; daneben Mkal und Varro.
So stellt sich Mkal seinen Silver Ghost vor: Schwarz, Rot, feine Goldornamente und seitliche Laternen im Kutschenstil.

Ein silberner Geist in Schwarz und Rot

Vor dem Silver Ghost blieb Mkal stehen. Die anderen Wagen waren prächtig gewesen. Dieser hier ließ ihn an Wege denken, an Landschaften und an Gespräche, die man führte, während die Welt langsam vorbeizog.

Varro deutete auf die hintere Sitzbank. „Ein offener Tourenwagen muss keineswegs ein Zweisitzer sein. Hier finden Ihre Begleiter Platz. Vorn fahren Sie selbst – oder überlassen das Steuer Ihrem Chauffeur.“

Er legte eine Hand auf den Rahmen der Windschutzscheibe. „Die Bedienung und die Bremsen gehören allerdings in eine andere Zeit. Und das Faltverdeck macht daraus keine moderne wetterfeste Limousine.“

„Ich denke, die eine oder andere Eigenheit darf ein alter Wagen haben“, sagte Mkal. „Ein alter Lord hat schließlich auch welche.“

Varro lächelte. „Dann reden wir jetzt wohl über Ihren Wagen.“

„Schwarz und Rot. Die Farben meines Landes. Dazu ein wenig Gold, aber nicht so viel, dass man den Wagen darunter suchen muss. Und diese seitlichen Laternen gefallen mir sehr. Sie erinnern noch ein wenig an eine Kutsche.“

Der Händler bat ihn an einen kleinen Zeichentisch. Auf einem Karosserieentwurf markierte er schwarze Kotflügel, dunkelrote Flächen und schmale goldene Zierlinien. Die Laternen setzte er beiderseits nahe der Windschutzscheibe an. Zum Schluss ergänzte er ein kleines Zeichen auf der Tür.

Mkal beugte sich über die Zeichnung. „Oh ja, das ist gut. Nur das Symbol ist nicht das richtige. Aber das lässt sich doch sicher noch korrigieren?“

„Selbstverständlich, Mylord. Wenn Sie mir Ihre verbindliche Vorlage überlassen, verwenden wir genau diese.“

„Dann sind wir uns einig.“

Den nehme ich

Wenig später lag die berichtigte Skizze vor ihnen. Das Hoheitszeichen Mkalvanias saß dezent auf der Tür, die goldenen Linien hielten sich zurück, und die Laternen gaben dem Entwurf genau jenen Hauch von Kutsche, den Mkal gewünscht hatte.

Varro wartete. Er hatte inzwischen verstanden, dass dieser Gast seine Entscheidungen gern selbst traf.

Mkal sah von der Zeichnung zum Silver Ghost und wieder zurück. Dann lächelte er.

„Ja. So ist es gut. Den nehme ich.“

Varro reichte ihm die Hand. „Eine ausgezeichnete Wahl, Mylord. Ich glaube, dieser Wagen wird sich vor Ihrem Schloss sehr wohlfühlen.“

„Das hoffe ich. Aber ich habe nicht vor, ihn immer dort stehen zu lassen.“

„Darf ich dann wissen, wohin Ihre erste Fahrt gehen soll?“

Mkal dachte an seine Familie, an einen sonnigen Morgen und an eine Straße, deren Ende man nicht schon beim Aufbruch kennen musste.

„Zunächst einmal“, sagte er, „fort.“

Varro lachte. Diesmal brauchte er keinen Ford dazu.