Gromek Ragu gilt weit über Mkalvania hinaus als freundlicher und zuverlässiger Handelsvertreter.
Zumindest würde Gromek selbst es genau so formulieren. Wer ihm auf einem Markt begegnet, erlebt zunächst vor allem einen breitschultrigen Mann mit buschigen Brauen, einer Stimme wie rollender Donner und einem Gesicht, das schon bessere Verhandlungen gesehen hat.
Hinter dem Grummeln und Zummeln verbirgt sich jedoch ein ehrlicher Händler – und ein durchaus liebenswürdiger Kerl, sofern man ihm Zeit lässt, das nicht zuzugeben.
Gromek Ragu ist der Handelsvertreter Mkalvanias und kennt die Wege zwischen Burgen, Klöstern, Häfen und Märkten besser als mancher Landvermesser. Salz, Eisen, Honig und Tuch gehören ebenso zu seinen Geschäften wie Gewürze aus fernen Ländern und Stoffe, die aus Dörfern stammen, deren Namen kaum jemand richtig aussprechen kann. Er findet, was gebraucht wird, verhandelt hart und achtet darauf, dass am Ende Maß, Preis und Vertrag zusammenpassen.
Ein falsches Gewicht, ein gebrochener Handschlag oder ein Händler, der seine Ware schöner beschreibt, als sie ist, kann Gromeks Laune nachhaltig verderben. „Ein Handschlag ist ein Eid“, sagt er dann – und seine buschigen Brauen machen deutlich, dass dies keine Redensart ist. Gromek ist grummelig, zummelig und von einer eigentümlichen Beharrlichkeit. Doch gerade darin liegt seine Verlässlichkeit: Was er verspricht, bringt er nach Mkalvania, selbst wenn er unterwegs über jeden Zollstein, jeden Umweg und jeden Kunden schimpfen muss.
Über seine freundliche, liebevolle Art wird in den Handelsstuben Mkalvanias viel gesprochen – meistens allerdings nur, wenn Gromek nicht im Raum ist. Tatsächlich ist er nicht leicht zugänglich und lächelt so selten, dass manche Händler darin bereits ein schlechtes Omen erkennen. Wer ihn jedoch länger kennt, bemerkt die kleinen Ausnahmen: eine Warnung vor einem schlechten Geschäft, ein besonders fairer Preis für jemanden in Not oder eine Ware, die er angeblich nur „zufällig“ zurückgelegt hat. Gromeks Zuneigung trägt keine Schleife. Sie kommt in einem brummigen Satz und bleibt meistens unerkannt.
Gromek selbst ist überzeugt, mit seinen Geschäften den Wohlstand Mkalvaniens zu mehren. Ebenso überzeugt ist er davon, seine Steuern stets pünktlich und vollständig zu entrichten. Reiner Carlberg hegt daran erhebliche Zweifel und betrachtet Gromeks Erklärungen mit jener ruhigen Aufmerksamkeit, die für den Händler beinahe unangenehmer ist als eine offizielle Prüfung. Gromek nennt das Misstrauen. Reiner nennt es Nachrechnen. Eine abschließende Einigung wurde bislang nicht erzielt.
Unterstützung erhält Gromek von seinem Sohn Sascha, der geschickt ist, schnell lernt und seinem Vater bei den Geschäften eine große Hilfe sein kann. Allerdings geht Sascha gelegentlich eigene Wege und hat das Vertrauen seines Vaters mehr als einmal auf die Probe gestellt. Gromek spricht darüber mit knappen Worten, lautem Schnauben und einer Miene, die jedem Außenstehenden das Ende jeder familiären Geduld verkündet. Dass er seinen Sohn dennoch nicht aufgibt, verrät mehr über Gromeks Herz als jede Behauptung über seine angebliche Freundlichkeit.
So reist Gromek weiter durch Mkalvania: mit schwerem Ledermantel, klirrenden Waagen und einem Ruf, der ihm meist vorausgeht. Viele senken den Blick, wenn er durch ein Stadttor tritt. Einige tun es aus Furcht, andere aus Respekt. Und wer ihn wirklich kennt, weiß, dass hinter dem Donner seiner Stimme ein Mann steht, auf dessen Wort man sich verlassen kann – solange man nicht gerade versucht, ihm ein falsches Maß als ehrlichen Handel zu verkaufen.