Zwei Abende lang war in Mkalvania manches anders als gewöhnlich. Wer vom Hafen her einen bestimmten Weg nahm, fand sich nicht einfach auf einem Waldpfad wieder, sondern vor einem Tor, das mehr versprach als bloß einen Durchgang. Dahinter warteten Lichter, Gelächter, fliegende Gegenstände, zweifelhafte Sicherheitsvorkehrungen – und zwei Gaukler, die mit bemerkenswerter Beharrlichkeit versuchten, den eigenen Tod zur Abendunterhaltung zu erklären.
Am 18. und 19. September wurde die Waldlichtung zum Gauklermarkt. Til Eulenspiegel und Jungfer Blue McLeod machten aus dem Fest einen Ort, an dem sich Spiel, Gaukelei und Rollenspiel so eng miteinander vermischten, dass am Ende kaum noch zu sagen war, wo die Vorstellung aufhörte und der Markt selbst begann.
Durch das Tor – und fort war der Hafen
Ein gewöhnlicher Weg hätte zu diesem Markt kaum gepasst. Am Hafen erwartete die Besucher ein reich geschmücktes Gauklertor. Wer hindurchtrat, ließ Kai, Schiffe und vertraute Wege hinter sich und erreichte auf magischem Wege die Lichtung, auf der Til und Blue ihr Reich für zwei Abende errichtet hatten.
Damit begann der Gauklermarkt schon vor dem ersten Wurfspiel und lange vor dem ersten Kunststück. Der Übergang war Teil der Geschichte: Aus der Welt des Hafens trat man unmittelbar in eine andere Wirklichkeit – bunt, laut, ein wenig unberechenbar und mit der festen Absicht, den Ernst des Alltags draußen zu lassen.
Eine Lichtung voller Wunder
Wo sonst Wald, Felsen und Wege das Bild bestimmen, stand plötzlich ein ganzer Jahrmarkt. Ein großes rot-weißes Karussell bildete sein leuchtendes Herz. Ringsum warteten Ballonwerfen, Tellerwerfen, Alley-Ball, Hau-den-Lukas, Dunk Tank, Hüpfburg, mechanischer Bulle und eine Menschenkanone, deren Flugbahnen sich gelegentlich eher an Kuchen, Zeltdächern und Bäumen als an irgendeinem vernünftigen Ziel zu orientieren schienen.
Preise wechselten ihre Besitzer – Stofftiere, ein Hai, ein Schwein und andere Trophäen wurden stolz herumgetragen. Kamillas Backwaren sorgten dafür, dass niemand die Gefahren der Gaukelei mit leerem Magen überstehen musste. Und wer gerade nicht spielte, stand in kleinen Gruppen zusammen, begrüßte alte Bekannte, traf Reisende aus anderen Ländern oder kommentierte mit wachsendem Vergnügen die Missgeschicke der anderen.
Gerade darin lag die besondere Stärke des Marktes: Niemand war bloßer Zuschauer. Der Festplatz lebte auch zwischen den Vorführungen weiter. Die Gaukler hatten keine abgeschlossene Bühne – die ganze Lichtung war ihre Bühne.
Wo der Tod ständig angekündigt wurde
Als die Dämmerung über den Wald zog, richteten sich die Blicke nach oben. Blue eröffnete die Gaukelei auf dem Hochseil – zunächst im langen violetten Gewand gemeinsam mit ihrer Schlange Emma. Dass Emma an diesem Abend angeblich besonders hungrig war, beruhigte die Menschen unter dem Seil nur mäßig.
Dann wurde aus dem Seiltanz eine Steigerung in mehreren Akten. Blue kehrte im blau-weißen Gauklergewand zurück, stieg mit dem Einrad auf das Seil und verband Balance schließlich auch noch mit Jonglage. Til wollte da selbstverständlich nicht zurückstehen. Auf hohen Stelzen erhob er sich noch weiter über den Festplatz, wankte in genau dem Maß, das nötig war, um das Publikum an Lazarett, letzte Worte und Erbschaften denken zu lassen – und landete am Ende doch wieder auf den Füßen.
So wurde ein Ton gesetzt, der beide Abende bestimmte: Fast jedes Kunststück wurde als Begegnung mit dem Tod angekündigt, und fast jedes Überleben schien Til und Blue ein klein wenig zu enttäuschen. Das Publikum nahm das Spiel bereitwillig auf. Man wich vorsichtshalber zurück, hielt die Luft an, rief Warnungen nach oben und applaudierte umso lauter, wenn wieder einmal niemand zu beklagen war.
Am ersten Abend folgten noch das Todesrad mit Messerwürfen, Blues Jonglage mit brennenden Fackeln und eine gemeinsame Feuershow, für die selbst die Mutigeren ein paar Schritte Abstand nahmen. Til versuchte sich danach sogar an einem Fluggerät. Es flog tatsächlich – nur die Landung am Karussell bewies, dass Fliegen und Ankommen zwei verschiedene Künste sind.
Am zweiten Abend: noch ein wenig unmöglicher
Wer glaubte, der erste Abend habe alle denkbaren Gefahren bereits aufgebraucht, kannte Til und Blue schlecht. Am folgenden Abend begann alles erneut mit Emma, Hochseil und Einrad. Danach balancierte Blue auf einem großen Zirkusball und jonglierte mit Flaschen und Keulen, die Til ihr zuwarf. Beim Zurückwerfen erwischte eine davon ausgerechnet ihn – was der Nummer einen Abschluss gab, der vermutlich genauso geplant gewesen sein könnte wie alles andere.
Nach einer Pause erschien Til in einem rot-weiß gestreiften Badeanzug und kündigte mit großem Ernst das „Bad des Todes“ an. Hoch über dem Platz turnte er an einer Plattform, legte zwischendurch sogar eine kleine Scheinschlafpause ein und ließ sich von Blue wieder wecken. Nach Klimmzügen, reichlich Verzögerung und einem Rückwärtssalto landete er schließlich im Wasser.
Der gefährlichste Teil der Nummer war womöglich die Erkenntnis, dass Til nun tatsächlich gebadet hatte. Er wurde aus dem Becken gezogen, schüttelte sich wie ein nasser Hund – und schon ging es weiter. Wenig später ließ er sechs Teller auf langen Stäben gleichzeitig kreisen. Alles ging gut, bis Blue die Teller wegräumte. Das darauf folgende „Klirr, Schepper, Krach“ dürfte in der Schlossküche noch eine Weile Stoff für Nachfragen geliefert haben.
Und dann flog der Teppich
Zum Abschluss des zweiten Abends versprach Til nichts Geringeres als Zauberei. Hinter dem Zelt kam ein alter, reichlich zerfranster Teppich hervor, den er angeblich einst als Lohn von einem Kalifen erhalten hatte. Sein Zustand ließ Zweifel zu. Blue bemerkte, man hätte ihn wenigstens ausbürsten können.
Es folgten die magischen Worte: „Abaksus, Simselbin und dreimal schwarzer Kater.“ Zunächst folgte darauf – nichts. Bald wurden Starthilfe, eine neue Batterie, Anschieben und sogar ein vorgespanntes Zugtier vorgeschlagen. Doch dann erhob sich der Teppich tatsächlich.
Über dem inzwischen dunklen Wald, über Karussell, Buden und den Köpfen der Besucher schwebten Til und Blue durch die Nacht. Und weil auf diesem Gauklermarkt selbst Magie kein Privileg der Künstler bleiben durfte, konnten anschließend auch Gäste mitfliegen. Man hielt sich am Teppichrand fest, rief nach Loopings und kehrte am Ende tatsächlich wieder vollständig auf den Boden zurück.
Damit fand die Vorstellung ihr passendes Ende: nicht mit einem Vorhang, sondern mit Menschen, die noch immer zwischen den Buden standen, lachten, Preise herumtrugen und sich vergewisserten, dass wirklich alle wieder unten angekommen waren.
Was von zwei Abenden blieb
Der Gauklermarkt war mehr als eine Folge von Kunststücken. Für kurze Zeit wurde die Waldlichtung zu einem Ort, an dem Rang, Herkunft und Alltag ein wenig an Bedeutung verloren. Man stand gemeinsam unter dem Hochseil, lachte über dieselben missglückten Landungen, feuerte Fremde beim Spiel an und geriet mitunter selbst mitten in die Vorstellung.
Vielleicht ist das die eigentliche Kunst der Gaukler: nicht nur Bälle, Fackeln oder Teller in der Luft zu halten, sondern für ein paar Stunden eine Welt zu erschaffen, in der jeder bereit ist, sich auf das Unwahrscheinliche einzulassen. In Mkalvania gelang das an diesen beiden Abenden ausgesprochen gut.
Til zog am Ende dennoch eine eher persönliche Bilanz: Trotz Hochseil, Messer, Feuer, Wasser, Fluggeräten, Kanone und Magie sei „leider mal wieder keiner“ gestorben. Man darf annehmen, dass die meisten Anwesenden gerade diesen Teil des Abends für besonders gelungen hielten.